Bye-bye Central Asia

Trotz der vielen netten und gastfreundlichen Menschen, die wir getroffen haben, und der schönen Landschaften in der Steppe und im Tienchan-Gebirge sind wir froh aus dem Kasachstan-Knast heraus zu sein. An die 50 Polizeikontrollen in zwei Monaten, davon mindestens 10 Versuche unter Androhung von „Straf“ Schmiergelder zu erpressen, sowie eine absurde Registrierungspflicht für Touristen bei der Immigrationsbehörde lassen Besucher dieses Landes sich nicht wirklich willkommen fühlen. Ich habe bisher noch nie ein Land bereist, das seine Bevölkerung und insbesondere Touristen so intensiv überwacht. Nur Nordkorea stelle ich mir schlimmer vor. So schnell kommen wir nicht zurück. Vielleicht in 2030, wenn die Modernisierungsinitiative des derzeitigen und wahrscheinlich dann noch im Amt befindlichen Präsidenten Nasarbajew zu Ende und das Land modernisiert ist. Unter Modernisierung verstehe ich jedoch nicht nur anständige Straßen, sondern mehr Demokratie und Freiheit für die Bürger und keine Korruption von behördlicher Seite mehr. Ausgerechnet die Geldgier der Polizisten müssen Touristen in diesem Land, das ansonsten so sicher ist wie jedes EU-Land, fürchten.

Kasachstan ist ein Land voller oberflächlicher Fassaden. Es erscheint wie eine offene Demokratie, doch die faktische Alleinherrschaft des Präsidenten, der bereits entgegen der eigenen Verfassung seit 20 Jahren an der Macht ist und von unzähligen Plakaten auf seine Untertanen herablächelt, und seiner Familie zeigt in der Kombination mit der Totalüberwachung, der eingeschränkten Meinungsfreiheit und den von der OSZE angeprangerten Wahlmanipulationen (nur die Regierungspartei ist im Parlament vertreten) das wahre Gesicht der Herrschaftsform.

Der Reichtum, der in den Ölstädten des Nordens sowie in Almaty im Süden zur Schau gestellt wird, steht in keinem Verhältnis zur Armut in den Städten in der Steppe in der Mitte des Landes. Städte wie Aralsk und Astana können widersprüchlicher nicht sein. Auf der einen Seite Hochglanzstraßen, die täglich mit Wasser gereinigt werden, Hochhäuser mit Glasfassaden und Supermärkte, in denen mehr Wachpersonal herumläuft als Verkaufspersonal. Auf der anderen Seite eine verrottende Müllhalde mit einer Kindersterblichkeit von 10 Prozent, exotischen Krankheiten wie die Pest und staubigen Holperstraßen.

Wenn man dann noch die sechsspurige, hypermoderne und 400 Kilometer lange Autobahn zwischen Astana und Kokschtau sieht, für deren Verkehrsaufkommen ein simple zweispurige Landstraße ausgereicht hätte, und bedenkt, dass in manchen Provinzen wichtige Verkehrsverbindungen vollkommen zerstört sind, dann wird deutlich, woran es in Kasachstan fehlt: an vernünftigen, sachgeleiteten Entscheidungen und an einem Strukturausgleich, den es nur in föderalen Demokratien gibt.

In Kasachstan wird das Geld aus der Erdölförderung im Norden des Landes direkt in die Aufrechterhaltung der Fassade gepumpt, um der Welt und vor allen Dingen der eigenen Bevölkerung die Rechtfertigung der Machtagglomeration beim Präsidenten zu suggerieren. Die Totalüberwachung des Verkehrs hat die Regierung im Gegensatz zu den westlichen Staaten des Ostblocks wie Polen, Rumänien, Bulgarien, Ungaren etc., die die Verkehrsposten an Provinzgrenzen und vor größeren Städten direkt nach der Wende abgeschafft haben, von der vormaligen Sowjetherrschaft übernommen. Die Menschen nehmen die Entscheidungen augenscheinlich hin, weil es durch das Erdöl sichtbar wirtschaftlich aufwärts geht und weil unverschämter relativer Reichtum im kapitalistischen Neoliberalismus nicht verpönt ist. Die Mischung aus autoritärer Herrschaftsform und Ölreichtum manifestiert sich jedoch manchmal im direkten Kontakt mit den Menschen als eine Form von übersteigertem Selbstbewusstsein, die an Hochmut grenzt. Sprich: Wir sind in den Städten im Norden von Jugendlichen offensichtlich neureicher Eltern mehrfach als auffällige Touristen auf offener Straße verhöhnt worden, und zweimal haben entgegenkommende Fahrzeuge direkt auf uns zugehalten, um uns einen Schrecken einzujagen.

Kirgistan hat uns hingegen positiv überrascht. Abgesehen von einer üblen Polizeiabzocke, gegen die wir uns erfolgreich hätten wehren können, wenn wir die Energie und die Zeit aufgebracht hätten, sind wir in einem Monat „nur“ fünfmal kontrolliert worden. Kirgistan ist das einzige Land in Zentralasien, das seit dem Sturz des ehemaligen Präsidenten Bakijew, der ausgerechnet nach Kasachstan geflohen ist, ernsthaft versucht, eine parlamentarische Demokratie zu etablieren. Es existiert keine Registrierungspflicht für Ausländer, und die Visumspflicht für Bürger vieler europäischer Staaten wurde im August 2012 abgeschafft. Es gibt erste zarte Pflänzchen touristischer Kooperationen wie das Community-based Tourism.

Nach einem viertägigen Ritt und teilweise 800 km pro Tag, die Dank der einigermaßen guten Straßen zwischen Almaty und Astana möglich waren, sind wir jetzt in Russland angekommen. Eine undichte Umlaufdichtung zwischen Kardanwelle und Differenzial hat uns zusammen mit der Registrierung in der Immigrationsbehörde und einem Gesundheitszeugnis für unseren Hund bei einem Tierarzt einen Tag in Astana gekostet.

Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal Russland mit guten Straßen, weniger Polizeikontrollen und korrekten Polizisten in Verbindung bringen würde. Auch wenn das nach den derzeitigen Nachrichten aus Russland seltsam klingt: Für uns als Touristen ist Russland die pure Freiheit. Wir können uns frei bewegen und müssen keine üblen Polizeikontrollen befürchten. Die Verkehrspolizei kontrolliert Verkehrssünder und nicht pauschal die Bevölkerung. Russland ist in vielerlei Hinsicht europäischer, als man vermuten würde.

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2 Kommentare zu Bye-bye Central Asia

  1. Eckhart sagt:

    Ach ja, ich weiß die Antwort auf die Fußball- Frage aus vorherigen Post Welcome To Kasachstan. Ja, Kasachstan hat eine Nationalmannschaft und darf sogar bei der EM mitmachen, weil der Teil westlich von Atyrau zu Europa gehört. Nur schaffen die meistens die Quali nicht, deswegen bemerkt man sie kaum…

  2. zurken sagt:

    Und es ist schon deutlich besser geworden in Zentralasien, ich war 2003 zum ersten Mal dort, und gegen das war meine diesjährige Tour eine Wohltat, was Polizeischikanen betrifft. Ganz zu schweigen von den ersten Jahren der Unabhängigkeit, 1993 wären wir garantiert von Banden überfallen und ausgeraubt worden, haben sie mir erzählt. Aus der Zeit stammen die Stahltüren in den Plattenbausiedlungen.

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