{"id":3080,"date":"2012-07-22T13:56:55","date_gmt":"2012-07-22T13:56:55","guid":{"rendered":"http:\/\/www.goethepanzer.de\/?p=3080"},"modified":"2013-03-31T09:07:51","modified_gmt":"2013-03-31T09:07:51","slug":"schmatzen-und-schlurfen-oder-uber-das-interkulturelle-lernen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.1yearoff.karstenmontag.de\/?p=3080","title":{"rendered":"Schmatzen und Schl\u00fcrfen  &#8211; oder \u00fcber das interkulturelle Lernen"},"content":{"rendered":"<p><a title=\"Homepage Levine\" href=\"http:\/\/www.psych.csufresno.edu\/levine\/\" target=\"_blank\">Robert Levine<\/a> schrieb in seinem Buch <a title=\"Ansehen bei buch.de\" href=\"http:\/\/www.buch.de\/shop\/home\/suchartikel\/eine_landkarte_der_zeit\/robert_levine\/ISBN3-492-22978-6\/ID2919491.html?fftrk=1%3A1%3A10%3A1&amp;jumpId=4210339\" target=\"_blank\">Eine Landkarte der Zeit \u2013 wie Kulturen mit der Zeit umgehen<\/a>, dass ein Auslandsreisender in der Regel mehr \u00fcber seine eigene Kultur als \u00fcber die des besuchten Landes lernt. Vor Antritt unserer Reise h\u00e4tte ich diese Aussage albern gefunden. Heute verstehe ich, was er damit meint.<\/p>\n<p>Ich bem\u00fche mich, die Kultur meiner Gastgeberl\u00e4nder zu verstehen. Weil ich es spannend finde und bereichernd. Deswegen reise ich ja auch und verbringe nicht das Jahr im <a title=\"Neugierig, was das Solimare ist? Hier klicken.\" href=\"http:\/\/www.enni.de\/sport-baeder\/baeder\/ennisolimare-freibad.html\" target=\"_blank\">Solimare Moers<\/a> (wobei das sicherlich auch interessante interkulturelle Begegnungen mit sich bringen w\u00fcrde). Ich beobachte die Menschen auf meiner Reise, ich lese \u00fcber Traditionen und Gepflogenheiten. Ich unterhalte mich mit Einheimischen und frage, insoweit es die Sprachbarrieren erm\u00f6glichen.<\/p>\n<p>Doch auch wenn ich einige hiesige Br\u00e4uche, ein paar soziale Regeln oder Werte intellektuell nachvollziehen kann, hei\u00dft das noch nicht, dass ich sie auch wirklich begreife. Der Grund daf\u00fcr liegt in einer simplen Einsicht: Jede Gepflogenheit, jede Einstellung kann nur in ihrem vielschichtigen kulturellen Kontext verstanden werden. Und diesen erfasse ich nicht bei einem Einkauf auf dem Wochenmarkt, nicht beim Ballspiel mit ein paar Kindern, ja nicht einmal bei einer Tasse Tee mit einem Greis. Ich glaube es bedarf vieler Jahre intensiven Eintauchens und Lebens in und mit einer Gesellschaft, um wirklich \u201esehen\u201c zu lernen. Wenn es \u00fcberhaupt m\u00f6glich ist. In meiner schn\u00f6den Urlaubsreise hingegen bewege ich mich auf einer anderen Stufe, um wieder auf Levine zur\u00fcckzukommen. Durch die Auseinandersetzung mit hiesigen \u201eAndersartigkeiten\u201c beginne ich meine eigene Kultur differenzierter zu betrachten. Ich analysiere eigene Werte und Gepflogenheiten, die ich immer als allgemeing\u00fcltig wahrgenommen habe.<\/p>\n<p>Ein Beispiel: In der T\u00fcrkei war ich anfangs \u201everschnupft\u201c \u00fcber die Art und Weise, mit der einige Einheimische unseren Hund behandelten. Sie verjagten ihn, beschimpften ihn oder &#8211; das ist gl\u00fccklicherweise nur einmal passiert &#8211; gaben ihm einen Stockhieb auf die Nase. Dann lernte ich, dass Hunde im Islam als \u201eschmutzige Tiere\u201c gelten. Das war mir neu. Mit dieser Erkl\u00e4rung verstanden wir das Verhalten unserer Gastgeber besser und bekamen die M\u00f6glichkeit, uns kulturell anzupassen: Wir hielten Loukas ab sofort in der \u00d6ffentlichkeit n\u00e4her bei uns, verboten ihm Fremde anzuspringen und lie\u00dfen ihn bei Einladungen im Bus. Trotzdem habe ich diesen Ekel vor unserem (wirklich zuckers\u00fc\u00dfen H\u00fcndchen) nie <em>wirklich<\/em> verstanden. Stattdessen wurde mir deutlich, wie nah sich Mensch und Hund in meinem eigenen Kulturkreis sind. Niemand ist bei uns \u00fcberrascht, wenn man einen Hund als Gef\u00e4hrte, Freund oder gar Familienmitglied bezeichnet. Man widmet ihm viel Zeit und Aufmerksamkeit. Und wenn er stirbt, dann trauert man um ihn. Aussagekr\u00e4ftig finde ich den Kommentar eines befreundeten Hundebesitzers. Der sagte mal zu mir: \u201eKinder sind doch wirklich ein schlechter Hundeersatz\u201c. Es w\u00e4re sicher interessant, einen kappadokischen Bauern einmal mit dieser Aussage zu konfrontieren.<\/p>\n<p>Ich erlebe auf der Reise auch Gepflogenheiten, die ich noch nicht intellektuell verstanden habe, und die trotzdem zu einer Auseinandersetzung mit meiner eigenen Kultur f\u00fchren. Dazu geh\u00f6rt das kasachische \u201eIch zuerst\u201c-Spiel. Das gibt es wirklich. <a title=\"Reisef\u00fchrer Kasachstan ansehen bei buch.de\" href=\"http:\/\/www.buch.de\/shop\/home\/suchartikel\/kasachstan_trescher_reihe_reisen\/dagmar_schreiber\/ISBN3-89794-196-1\/ID29046864.html?fftrk=2%3A4%3A10%3A1&amp;jumpId=4239374\" target=\"_blank\">Mein Reisef\u00fchrer<\/a> hat mich schon vorab dar\u00fcber informiert. Dummerweise hat die Autorin vergessen Tipps zu geben, wie man es richtig spielt. Ich erlebe es hier fast t\u00e4glich: im Lebensmittelgesch\u00e4ft, beim Wasser holen, im Stra\u00dfenverkehr. Schon 30 Kilometer hinter der Grenze in meinem ersten Supermarkt ereignete sich folgendes: Ich war die n\u00e4chste an der Kasse und hatte bereits s\u00e4mtliche Artikel auf das Band ger\u00e4umt. Sechs (!) andere Kunden dr\u00e4ngelten sich kreuz und quer an mir vorbei. Jeder von ihnen hatte einen Grund, den die Kassiererin f\u00fcr wichtig genug erachtete, um sie vorzulassen und mich zu ignorieren. \u00dcber meinen Kopf reichten sie Wasser- und Wodkaflaschen und warfen Tengescheine. Ja, und ich stand da wie Hein-Bl\u00f6d und durfte nicht mitspielen. Erst als ich allein an der Kasse stand, kam ich dann auch mal dran. Das Interessante an diesem \u2013 in meinem Kulturkreis sicherlich als unversch\u00e4mt einzustufenden &#8211; Verhalten ist, dass es hier funktioniert! Die L\u00e4den, \u00c4mter und Stra\u00dfen sind voll von Vordr\u00e4ngelnden und Zur\u00fcckgedr\u00e4ngten. Niemand schimpft. Keilereien gibt es nicht. \u00a0Alle sind freundlich zueinander und l\u00e4cheln dabei. So ungeduldig wie die einen sich vordr\u00e4ngeln, so geduldig warten die anderen. Ich w\u00e4re nie auf die Idee gekommen, die in meinem Kulturkreis g\u00fcltige Volksweisheit \u201eWer zuerst kommt malt zuerst\u201c und das heilige &#8222;Schlangestehen&#8220; in Frage zu stellen.<\/p>\n<p>Dann gibt es noch die Variante, dass ich die Gr\u00fcnde einer Gepflogenheit nicht verstehe und trotzdem \u00e4u\u00dferst einverstanden bin mit ihr. In unserem Kulturkreis ist es unfein \u2013 ja es wird zuweilen sogar als eklig angesehen &#8211; wenn man schmatzend isst und schl\u00fcrfend trinkt. Ich habe das noch nie verstanden. Erstens macht es Spa\u00df und zweitens schmeckt es so einfach besser. Ich glaube, nicht ohne Grund schmatzen und schl\u00fcrfen Kinder, bevor ihnen ihre Eltern beibringen, dass man \u201edas nicht tut\u201c. Zu Gast bei Kasachen beweist man hingegen gute Tischmanieren, wenn man schmatzt und schl\u00fcrft was das Zeug h\u00e4lt. Es zeigt dem Gastgeber, dass es schmeckt. Auch das steht in meinem Reisef\u00fchrer. Neulich, <a title=\"Artikel bei Galymhan und Samchan\" href=\"http:\/\/www.1yearoff.goethepanzer.de\/?p=2847\" target=\"_blank\">bei Galymhan und Samchan in Turkestan<\/a>, habe ich mich daran erinnert und es prompt ausprobiert. Von der Gastgeberin erntete ich ein zufriedenes L\u00e4cheln, als ich meine Suppe ger\u00e4uschvoll schl\u00fcrfte. So macht interkulturelles Lernen Spa\u00df!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Robert Levine schrieb in seinem Buch Eine Landkarte der Zeit \u2013 wie Kulturen mit der Zeit umgehen, dass ein Auslandsreisender in der Regel mehr \u00fcber seine eigene Kultur als \u00fcber die des besuchten Landes lernt. 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