{"id":2712,"date":"2012-06-28T08:57:41","date_gmt":"2012-06-28T08:57:41","guid":{"rendered":"http:\/\/www.goethepanzer.de\/?p=2712"},"modified":"2013-03-31T09:13:24","modified_gmt":"2013-03-31T09:13:24","slug":"krisenmanagement-in-kasachstan","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.1yearoff.karstenmontag.de\/?p=2712","title":{"rendered":"Krisenmanagement in Kasachstan"},"content":{"rendered":"<p><strong><\/strong>Loukas panikartige Flucht vor dem Feuerwerk in Atyrau (ca. 200.000 Einwohner) hat uns nicht nur in eine Gef\u00fchlkrise getrieben, sondern uns auch vor echte organisatorische und logistische Herausforderungen gestellt. Wir haben es geschafft ohne Wohnsitz, fast ohne Sprachkenntnisse, ohne Kenntnisse der \u00f6rtlichen Infrastruktur oder der lokalen Gepflogenheiten strukturiert und effizient eine Hunde-Suchaktion durchzuf\u00fchren. Dass wir Loukas so nach 36 Stunden gesund zur\u00fcckbekommen haben zeigt mir, dass Karsten und ich nicht nur ein verdammt gutes Team, sondern auch erfolgreiche Krisenmanager sind. F\u00fcr den Fall, dass euch so etwas auch einmal passieren sollte, rekonstruiere ich hier die 36 schlimmsten Stunden unserer bisherigen Reise.<\/p>\n<p><strong>Donnerstag, 21.06.2012, 23.oo Uhr<\/strong><\/p>\n<p>Wir stehen mit dem Wohnmobil am Flussufer in Atyrau, gleich hinter der Promenade. Karsten und ich sitzen im Magirus von Sylvia und Eckhard aus Schleswig-Holstein, die auf einer Reise nach Nepal und China sind. Loukas hat sich in unseren LT auf seine Decke verkrochen. Kurz vor dem Feuerwerk gehe ich r\u00fcber, um nach ihm zu schauen. Dann beginnt das Feuerwerk, ich verlasse den Wagen, Loukas kommt mir hinterher, bekommt Panik und macht etwas Paradoxes: Anstatt wieder in den Bus zu h\u00fcpfen (wie er es immer getan hat bei \u201eGefahr\u201c), rennt er in die entgegengesetzte Richtung \u2013 flussabw\u00e4rts &#8211; davon. Er ist nicht mehr zu halten und nur wenige Sekunden sp\u00e4ter ist er in der dunklen Nacht verschwunden.<\/p>\n<p><strong>23:30 Uhr<\/strong><\/p>\n<p>Karsten und ich suchen flussabw\u00e4rts das Ufer ab. Wir rufen und pfeifen nach ihm. Ich frage jeden, der mir begegnet. Es sind viele Jugendliche unterwegs. Einige reagieren h\u00e4misch und spotten. Zwei Leute sagen, sie h\u00e4tten Loukas laufen gesehen, jedoch in die jeweils entgegengesetzten Richtungen.<\/p>\n<p><strong>Freitag, 22.06.2012, 1:00 Uhr<\/strong><\/p>\n<p>Wir beschlie\u00dfen, dass die Suche heute Nacht keinen Zweck mehr hat. Es ist einfach zu dunkel. Wir hoffen, dass er bis morgen fr\u00fch den Weg zum Bus zur\u00fcckgefunden hat. Ich vermute, dass er sich die Nacht \u00fcber irgendwo versteckt h\u00e4lt und uns mit Sonnenaufgang zu suchen beginnt. Karsten hat Sorge, dass er aus Panik sehr weit gerannt ist. Und dass er in dem Moment, in dem er wieder zu Sinnen kam, nicht mehr wusste wo er ist.<\/p>\n<p><strong>5:30 Uhr<\/strong><\/p>\n<p>Ich wache auf. Es ist hell. Loukas ist nicht da. Karsten ist nicht da. Ich bleibe noch liegen und versuche einen klaren Gedanken zu fassen. Wie sollen wir nach ihm suchen? Mein Gehirn ist eine breiige Masse. Dann \u00f6ffnet Karsten die T\u00fcr. \u201eWir m\u00fcssen\u00a0 jetzt handeln. Polizei, Flugbl\u00e4tter, Radiostation. Taxiunternehmen sollen ihre Fahrer \u00fcber Funk informieren. Ich fahre jetzt mit dem Motorrad rum und suche.\u201c<strong> <\/strong>Karsten f\u00e4hrt los, ich koche mir einen Kaffee und ordne die Gedanken. Beschlie\u00dfe erst zur Polizei zu fahren, dann Flugbl\u00e4tter drucken zu lassen, vielleicht mit der deutschen Botschaft zu telefonieren. Taxifahrer und Radio krieg ich dann auch noch irgendwie hin. Einpacken muss ich Fotoapparat mit Fotos von Loukas, ein Netbook, USB-Stick, Geld, Pass, Mobiltelefon.<\/p>\n<p><strong>6:30 Uhr<\/strong><\/p>\n<p>Ich stehe an der Stra\u00dfe und warte auf ein Taxi. Es h\u00e4lt ein Privatwagen. Ich wei\u00df, dass Trampen hier \u00fcblich ist, und dass man dem Fahrer etwas Geld gibt f\u00fcr die Fahrt. Ich setze mich in den Wagen und frage \u201ePolizie?\u201c. Er antwortet: \u201eDa.\u201c Wir reden das n\u00f6tigste und das, was mit meinen mehr als rudiment\u00e4ren Russischkenntnissen \u00fcberhaupt m\u00f6glich ist. Er setzt mich vor dem Polizeigeb\u00e4ude ab und will 600 Tenge (=3,30 Euro). Eine Taxifahrt f\u00fcr die Strecke h\u00e4tte etwa genau so viel gekostet.<\/p>\n<p><strong>7:00 Uhr<\/strong><\/p>\n<p>Ich betrete das Polizeigeb\u00e4ude. Hinter einer Panzerscheibe sitzt ein Beamter. Drumherum stehen drei weitere. Ich: \u201eDo you speak english?\u201c Er: \u201eNet.\u201c Das hatte ich mir gedacht. Niemand hier spricht Englisch. Mit meinem minimalen Wortschatz und vielen Gesten erkl\u00e4re ich mein Problem. Man versteht mich einigerma\u00dfen und schmunzelt \u00fcber mich. Ein Polizist will mich abwimmeln. Ich soll ab 10:00 Uhr wiederkommen, dann w\u00fcrde man mein Gesuch aufnehmen. Ich merke, so komme ich hier nicht weiter. Im Leben suchen die nicht nach unserem Hund. Ich ziehe alle Register. \u201eWir zahlen 200 Dollar Finderlohn.\u201c Ein Polizist versteht und notiert meine Nummer. Auch die anderen werden wach und tuscheln.<\/p>\n<p><strong>8:00 Uhr<\/strong><\/p>\n<p>Ich habe zwei Stunden Zeit, bis ich wieder in die Polizeistation zur\u00fcckkehren soll. Da ich das hier ohne Dolmetscher nicht hinkriegen werde, bitte ich um ein Telefonat mit der Deutschen Botschaft. Ein Polizist sagt, daf\u00fcr m\u00fcsse ich zur Kasachischen Telekom zwei Blocks weiter. In der Polizeistation k\u00f6nne ich nicht telefonieren. Ich f\u00fchle mich geschlagen und verlasse das Geb\u00e4ude. Zwei Polizisten gabeln mich auf und bieten mir an, mich zur Telekom zu fahren. Warum ich mit der Botschaft telefonieren will? Ich: \u201eTranslation.\u201c Einer w\u00e4hlt die Nummer eines Freundes. Der spricht etwas Englisch. W\u00e4hrend wir fahren, soll ich ihm mein Problem noch einmal erkl\u00e4ren. Die \u00dcbersetzung ins Kasachische dauert ewig. Jeder meiner S\u00e4tze scheint mindestens zehn Kasachische zu brauchen. Die Kasachen m\u00fcssen sich lange \u201ewarm reden\u201c, bevor sie zum Punkt kommen. Das hat mir schon mein Reisef\u00fchrer verraten. Trotzdem werde ich nerv\u00f6s. Irgendwann fahren wir weiter und halten vor dem Geb\u00e4ude der Telekom. Der Polizist will 2.000 Tenge haben (=11 Euro) f\u00fcr die Fahrt und f\u00fcr das Telefonat, das mir \u00fcberhaupt nichts gebracht hat. Ich handle auf 1.000 Tenge runter und bezahle z\u00e4hneknirschend. Wahrscheinlich werde ich die Jungs ja nochmal brauchen. Bei der Telekom stellt sich heraus, dass dies nur ein Verwaltungsgeb\u00e4ude ist. Man kann hier gar nicht telefonieren.<\/p>\n<p><strong>8:30 Uhr<\/strong><\/p>\n<p>Mir wird deutlich, dass wir die Suche ohne hiesige Hilfe nicht gemeistert kriegen. Ich muss dringend mit der Botschaft telefonieren und Kontakte kn\u00fcpfen. Ich erinnere mich an die netten Mitarbeiter des Luxushotels Renaissance. Dort waren wir gestern mit Sylvia und Eckhard, weil wir nach sp\u00e4testens f\u00fcnf Tagen Aufenthalt im Land unsere Visa registrieren lassen m\u00fcssen. Sonst drohen dicke Geldstrafen und ellenlange Verh\u00f6re. Registrieren lassen kann man sich in einigen Hotels oder in der Migrationsbeh\u00f6rde. Das einzige Hotel in Atyrau, das diesen Service \u00fcbernimmt, ist das Renaissance. Wir h\u00e4tten jedoch mindestens eine Nacht bleiben m\u00fcssen. Da das g\u00fcnstigste freie Zimmer schlappe 400 Euro pro Nacht gekostet h\u00e4tte, entschieden wir uns dann doch f\u00fcr die Migrationsbeh\u00f6rde.<\/p>\n<p>Ich gehe also ins Hotel und frage die Dame am Counter, ob ich von hier aus mit der Deutschen Botschaft in Almaty telefonieren k\u00f6nne. Ich h\u00e4tte ein Problem und br\u00e4uchte Hilfe. Die Dame \u2013 Aidana \u2013 sah mich an und erkannte wohl, dass es mir dringlich ist. Sie stellt ein Telefonat zur Botschaft her. Eine Frau mit bayrischem Akzent antwortet. Der Honorarkonsul aus Atyrau sei derzeit in Deutschland. Nein, sie kennt keinen Dolmetscher in der Stadt. Ich m\u00fcsse jetzt dringend Kontakte kn\u00fcpfen. Radio k\u00f6nne ich vergessen. \u201eDie Kasachstaner geben ihre Medien f\u00fcr so etwas nicht her.\u201c Und niemand hier w\u00fcrde von sich aus auf die Idee kommen, die Telefonnummer zu w\u00e4hlen, die an Loukas Halsband befestigt sei. Flugbl\u00e4tter mit einer Belohnung sei der richtige Ansatz. F\u00fcr 200 Dollar werden die Menschen hier richtig suchen. Auch bei der Polizei w\u00fcrde ich nur so weiterkommen. Abschlie\u00dfend macht sie mir Mut und sagt: \u201eIch kann Sie gut verstehen. Ich habe in Theran mal meine Katze verloren. Jemand hat sie mir tats\u00e4chlich zur\u00fcckgebracht. Ich w\u00fcnsche Ihnen viel Gl\u00fcck.\u201c<\/p>\n<p><strong>9:00 Uhr <\/strong><\/p>\n<p>Kontakte kn\u00fcpfen. Ok. Unser Ansatz ist richtig. Dann fang ich gleich mal hier an. Ich zeige Aidana das Foto von Loukas. Sie f\u00fchlt mit. Will mir helfen. \u201eThis is a Voucher for a coffee. I will organize somebody who will come with you to the police.\u201d Ich bin dankbar, trinke Kaffee und erstelle das Faltblatt am Computer. Aidana \u00fcbersetzt ins Russische und bietet ihre private Telefonnummer als Kontakt an. Ich bin ger\u00fchrt von so viel Unterst\u00fctzung.<\/p>\n<p><strong>9:45 Uhr<\/strong><\/p>\n<p>Ihr Kollege, Nuzhat, wird um 11:00 Uhr hier sein, um mir zu helfen. In der Zwischenzeit suche ich einen Kopierladen, um die Flugbl\u00e4tter auszudrucken. Ich treffe Karsten, der den ganzen Morgen bereits s\u00e4mtliche Seitenstra\u00dfen und Hinterh\u00f6fe der Siedlungsgebiete flussabw\u00e4rts abgesucht hat. Den Kopierladen finde ich nicht. Und die L\u00e4den, die ich finde, sind \u00fcberteuert. 50 Euro f\u00fcr 100 Flugbl\u00e4tter will ich selbst in dieser Situation nicht bezahlen. Wir fahren erst einmal zusammen zur\u00fcck in das Hotel.<\/p>\n<p><strong>11:00 Uhr<\/strong><\/p>\n<p>Nuzhat ist da. Ein netter junger Mann, der hervorragend Englisch spricht. Er organisiert ein Taxi und verhandelt 1.500 Tenge (8,30 Euro) pro Stunde. Die Idee finde ich hervorragend. So wird der Taxifahrer die ganze Zeit verf\u00fcgbar sein. Wir fahren in einen Kopierladen und lassen 300 Flugbl\u00e4tter f\u00fcr 2.000 Tenge (11 Euro) drucken. Karsten nimmt die H\u00e4lfte der Bl\u00e4tter mit und f\u00e4hrt mit dem Motorrad zur\u00fcck zum Bus. Er verteilt Flugbl\u00e4tter in dem Stadtteilkern vor dem Fluss. Vor allem dort, wo viele Menschen sind. Zum Beispiel an Bushaltestellen.<\/p>\n<p><strong>11:30 Uhr<\/strong><\/p>\n<p>Auf dem Weg zur Polizei frage ich, ob der Taxifahrer einen Funkspruch mit unserem Gesuch und der Belohnung an alle Taxifahrer durchgeben kann. Der Taxifahrer ist einverstanden. Zwei Stunden sp\u00e4ter wird er daf\u00fcr ein dickes Trinkgeld von mir bekommen. Nuzhat und ich gehen in das Polizeigeb\u00e4ude. Der Polizist hinter Panzerglas will Nuzhats Ausweis sehen. Meinen nicht. Ein Polizist mit der MP im Anschlag \u00f6ffnet uns die Gittert\u00fcr. Wir gehen in die erste Etage. In einem heruntergekommenen blau gestrichenen Raum empf\u00e4ngt uns ein Polizist. Die Fenster sind mit vergilbten A4-Bl\u00e4ttern zugeklebt. Wir setzen uns vor den winzigen Schreibtisch. Die beiden reden lang und ausgiebig. Nuzhats \u00dcbersetzungen dagegen sind fast einsilbig. Ich vertraue ihm. Die Flugbl\u00e4tter liegen vor uns auf dem Tisch. Ein weiterer Polizist kommt rein. Dann ein Vorgesetzter. Noch ein Vorgesetzter. Jeder nimmt ein Flugblatt in die Hand. Sie lachen, machen sich lustig \u00fcber mich. Ich kann das nachvollziehen. 200 Dollar sind hier verdammt viel Geld und ein Hund dagegen einfach nichts wert. Mir ist der Spott egal. Ich sehe es mehr als Best\u00e4tigung. Das Geld ist eine echte \u2013 vermutlich die einzige &#8211; Motivation, nach dem Hund zu suchen. Nach etwa 15 Minuten \u2013 der Beamte hatte schon angefangen meine Daten aufzunehmen \u2013 sagte er aus heiterem Himmel, dass er mein Gesuch nur aufnehmen k\u00f6nne, wenn ein diplomierter Dolmetscher \u00fcbersetzen w\u00fcrde. Der ist richtig teuer. Ich frage Nuzhat um Rat. Er meint, selbst wenn wir jetzt einen Dolmetscher besorgen, w\u00fcssten wir nicht, was sie danach fordern werden. Er glaubt, dass die Verteilung der Flugbl\u00e4tter effizienter sei. Wir brechen die Vernehmung ab. Ein paar Flugbl\u00e4tter lasse ich trotzdem da.<\/p>\n<p><strong>12:30 Uhr<\/strong><\/p>\n<p>Wir fahren in das Gebiet, in dem Loukas verschwunden ist. Wir dr\u00fccken das Flugblatt den Passanten in die Hand, legen sie in Einkaufsl\u00e4den aus, verteilen sie an Taxifahrer. Ich beschlie\u00dfe, dass ich den Rest mit Karsten allein machen muss. Ich bezahle den Taxifahrer. Nuzhat will kein Geld, ich gebe nat\u00fcrlich trotzdem etwas. Ich bin ihm sehr dankbar.<\/p>\n<p><strong>13:00 Uhr<\/strong><\/p>\n<p>Karsten hat die letzten beiden Stunden Flugbl\u00e4tter verteilt. Wir telefonieren, verabreden uns am Bus, sind fix und alle. Ich habe letzte Nacht vier Stunden geschlafen, Karsten gar nicht. Wir trinken Kaffee, heulen eine Runde und beschlie\u00dfen, dass wir jetzt \u2013 trotz allem &#8211; dringend zur Migrationsbeh\u00f6rde fahren m\u00fcssen, um uns registrieren zu lassen. Morgen ist Wochenende und Montag haben wir die Frist schon \u00fcberschritten. Noch mehr \u00c4rger wollen wir nicht riskieren.<\/p>\n<p><strong>14:30 Uhr <\/strong><\/p>\n<p>Wir sitzen in der Migrationsbeh\u00f6rde. Da betreten Sylvia und Eckhard den Raum. Auch sie lassen sich registrieren. Das trifft sich super, denn Eckhard hat bei der Bundeswehr Russisch gelernt. Er hilft mir, die Frageb\u00f6gen auszuf\u00fcllen und erkl\u00e4rt Karsten, wo er unsere Dokumente kopieren lassen kann. W\u00e4hrend wir warten, unterhalten wir uns nett und sind abgelenkt. Das tut gut.<\/p>\n<p><strong>17:00 Uhr<\/strong><\/p>\n<p>Wir sind zur\u00fcck am Standplatz. Die beiden Norddeutschen bleiben auch noch eine Nacht. Wir schnappen uns das Motorrad und fahren wieder flussabw\u00e4rts, um Loukas zu suchen und Flugbl\u00e4tter aufzuh\u00e4ngen.<\/p>\n<p><strong>17:30 Uhr<\/strong><\/p>\n<p>Nuzhat ruft an. Eine Frau hat angerufen. Sie hat einen Hund gefunden. Er hat aber kein Halsband an. Vielleicht hat Loukas ja sein Halsband verloren? Unwahrscheinlich. Wir fahren trotzdem hin. Mein Herz klopft. Sie \u00f6ffnet die T\u00fcr. Der Hund hier sieht Loukas wirklich sehr \u00e4hnlich. Aber er ist es leider nicht. Die ganze Familie ist entt\u00e4uscht. Das Geld h\u00e4tten sie sicher gut gebrauchen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><strong>18:00 Uhr<\/strong><\/p>\n<p>Wir verteilen wieder Flugbl\u00e4tter. Diesmal weiter entfernt, wir fahren bis in die Vororte. Karsten glaubt, dass der Hund nicht mehr in unserer N\u00e4he ist. Dass er wirklich weit gelaufen ist. Es wird immer. Holzh\u00fctten, heruntergekommene Infrastruktur. Viele Kinder spielen auf den Stra\u00dfen. Einige laufen uns freudig hinterher \u2013 ein Motorrad verirrt sich sicher nicht h\u00e4ufig in die Gegend. Wir sind eine echte Erscheinung. Vor allem, wenn die Leute dann noch unsere Flugbl\u00e4tter lesen. 200 Dollar entsprechen hier etwa einem Monatslohn. Das Durchschnittseinkommen in Atyrau betr\u00e4gt 600 Dollar. Ich f\u00fchl mich nicht immer gut dabei, so viel Geld zu bieten. Finde es manchmal arrogant. Aber was w\u00e4re die Alternative? Wochenlang ausharren? Darauf hoffen, dass er von allein zur\u00fcckfindet? Riskieren, dass er \u00fcberfahren oder eingefangen wird? Richtig flau wird mir, als ich unser Flugblatt neben die Vermisstenanzeige eines kleinen Jungens h\u00e4nge. Schei\u00dfe \u2013 wie schlimm muss es sein, ein Kind zu verlieren. Der Schmerz ist sicher unvorstellbar gro\u00df.<\/p>\n<p><strong>19:00 Uhr<\/strong><\/p>\n<p>Wir sind zur\u00fcck im Bus. M\u00fcde. Ich beginne, eine Suppe zu kochen. Wir haben beide den ganzen Tag lang nichts essen k\u00f6nnen. Karsten spielt Sherlock Holmes: \u201eJetzt betrachten wir das ganze doch mal aus der Perspektive des Hundes. Wir nehmen an, er sucht uns, hat sich aber verlaufen. Hunde riechen und h\u00f6ren gut. Hier riecht es nach Wasser. Hier h\u00f6rt man den Verkehr, der \u00fcber die Br\u00fccke geht. Wahrscheinlich wird er am Wasser in der N\u00e4he einer Br\u00fccke suchen.\u201c Bislang haben wir immer nur flussabw\u00e4rts gesucht. Flussaufw\u00e4rts aber gibt es noch zwei Br\u00fccken. Vielleicht hat er bei der Flucht einen Bogen geschlagen. Ich unterbreche das Kochen und wir ziehen zu Fu\u00df noch einmal los. Einige Kilometer flussaufw\u00e4rts, immer entlang der Promenade. Wir verteilen die Bl\u00e4tter vornehmlich an Hundebesitzer, Angler, Reinigungskr\u00e4fte und Polizisten. An einer Stelle bekomme ich ein merkw\u00fcrdiges Gef\u00fchl. Ich laufe in die Querstra\u00dfe. Aus irgendeinem Grund glaube ich, dass der Hund hier ist. Ich rufe nach ihm, finde ihn nicht. Zur\u00fcck auf der Promenade sage ich zu Karsten: \u201eDas frustrierende an dieser Suche ist, dass Loukas genau in diesem Moment in der Parallelstra\u00dfe sein k\u00f6nnte, wir ihn hier aber nicht finden.\u201c Etwa zw\u00f6lf Stunden Sp\u00e4ter wird Loukas ungef\u00e4hr hier von einem Angler entdeckt.<\/p>\n<p><strong>22:00 Uhr<\/strong><\/p>\n<p>Wir erreichen den Bus. Wir k\u00f6nnen nicht mehr laufen, nicht mehr denken. Sylvia und Eckhard sind hervorragende Seelentr\u00f6ster. Sie stellen Bier und Wodka auf den Tisch und bringen uns f\u00fcr ein paar Stunden auf andere Gedanken. Wir fallen ins Bett und schlafen bis morgens um neun durch.<\/p>\n<p><strong>Samstag, 23.06.2012, 9:00 Uhr<\/strong><\/p>\n<p>Karsten hat die Idee, eine Facebook-Seite \u201eFinding-Loukas\u201c zu erstellen. Nuzhat hatte uns angeboten, sein Facebook-Netzwerk zu aktivieren. An der Promenade gibt es ein offenes W-Lan-Netz. Dort stellt er die Seite online.<\/p>\n<p><strong>10:00 Uhr<\/strong><\/p>\n<p>Wir wollen weitere Faltbl\u00e4tter drucken lassen und danach ins Renaissance-Hotel fahren. Sylvia und Eckhard fr\u00fchst\u00fccken und wollen etwa in einer Stunde weiterfahren. Ich sage: \u201eWenn nicht zuf\u00e4llig jemand anruft und Loukas hat, sehen wir uns gleich noch.\u201c<\/p>\n<p><strong>11:00 Uhr<\/strong><\/p>\n<p>Im Hotel strahlt uns Aidana entgegen. Sie wollte uns gerade anrufen. Soeben hat sich jemand gemeldet. Er hat den Hund. Der Hund hat ein schwarzes Halsband und eine rote Marke mit zwei deutschen Telefonnummern darauf. Wir sind aufgeregt. Lassen ein Taxi rufen. Karsten f\u00e4hrt mit dem Motorrad hinterher. Vor der T\u00fcr empfangen uns der Mann und eine ganze Horde gutgelaunter Kinder. Wir gehen in ein Mehrfamilienhaus. In den Fluren ist es schmutzig und es riecht nach Urin. Hinter der Haust\u00fcr ist es winzig und heimelig. Der Mann \u00f6ffnet die T\u00fcr zum Wohnzimmer. Und darin sitzt Loukas! Er springt auf als er uns sieht. Wedelt mit dem Schwanz, t\u00e4nzelt um uns herum, springt. Definitiv ist er genauso froh uns zu sehen, wie wir ihn. Der Mann lacht \u00fcber das ganze Gesicht. Damit keine Missverst\u00e4ndnisse aufkommen, gibt Karsten ihm sofort das versprochene Geld. Wir freuen uns f\u00fcr ihn mit. Er ist sehr sympathisch und kann das Geld auf jeden Fall gut gebrauchen. Er ist seit f\u00fcnf Monaten arbeitslos. Seine Frau arbeitet und ern\u00e4hrt die Familie mit drei kleinen Kindern.<\/p>\n<p>Wir trinken Tee und er erz\u00e4hlt, wie er Loukas gefunden hat. Er hat am Fluss geangelt und da kam Loukas. Er erinnerte sich an das Plakat, dass er gestern an der Bushaltestelle gesehen hat. Lie\u00df alles stehen und liegen und lief dem Hund hinterher. Loukas lief nat\u00fcrlich weg. Vier Kilometer lang folgte er Loukas auf der Promenade. Dann erinnerte er sich, dass man den Hund \u201eLoukas\u201c rufen sollte, wenn man ihn finden w\u00fcrde. Das tat er. Loukas spitzte die Ohren und blieb stehen. Er erreichte den Hund, nahm ihn mit nach Hause und rief Aidana an.<\/p>\n<p>Erleichtert fahren wir drei zur\u00fcck zum Bus. Sylvia und Eckhard sind leider nicht mehr da. Auch wir brechen sofort alle Zelte ab. Es vergehen kaum zehn Minuten, als ein Passant fragt, ob dies nicht der gesuchte Hund sei. Auf der Stra\u00dfe stadtausw\u00e4rts sehen wir am Stra\u00dfenrand den Wagen von Sylvia und Eckhard parken. Wir freuen uns und beschlie\u00dfen unweit in der Steppe noch eine gemeinsame Nacht zu verbringen, bevor sich unsere Stra\u00dfen gabeln und die Wege trennen w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Was f\u00fcr ein Happy-End.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.1yearoff.goethepanzer.de\/wp-content\/uploads\/2012\/06\/k-2012_06_23EOS-500D5638.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-2713\" title=\"k-2012_06_23EOS 500D5638\" src=\"http:\/\/www.1yearoff.goethepanzer.de\/wp-content\/uploads\/2012\/06\/k-2012_06_23EOS-500D5638.jpg\" alt=\"\" width=\"500\" height=\"333\" srcset=\"http:\/\/www.1yearoff.karstenmontag.de\/wp-content\/uploads\/2012\/06\/k-2012_06_23EOS-500D5638.jpg 500w, http:\/\/www.1yearoff.karstenmontag.de\/wp-content\/uploads\/2012\/06\/k-2012_06_23EOS-500D5638-300x199.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Loukas panikartige Flucht vor dem Feuerwerk in Atyrau (ca. 200.000 Einwohner) hat uns nicht nur in eine Gef\u00fchlkrise getrieben, sondern uns auch vor echte organisatorische und logistische Herausforderungen gestellt. 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