{"id":1452,"date":"2012-01-27T12:54:21","date_gmt":"2012-01-27T12:54:21","guid":{"rendered":"http:\/\/www.goethepanzer.de\/?p=1452"},"modified":"2013-03-31T09:43:01","modified_gmt":"2013-03-31T09:43:01","slug":"angekommen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.1yearoff.karstenmontag.de\/?p=1452","title":{"rendered":"Angekommen?"},"content":{"rendered":"<p>Gestern ist mein Bericht f\u00fcr den Nationalpark Eifel in Druck gegangen. Ich bin zufrieden, darauf habe ich hingearbeitet. Wieder ein Ziel erreicht, einmal mehr angekommen. Das zumindest ist das Gef\u00fchl, das sich gerade in mir breit macht. Aber wo genau eigentlich angekommen? Angekommen als Selbst\u00e4ndige? Oder vielleicht angekommen in dieser Reise? Wir sind jetzt drei Monate unterwegs und in meiner Wahrnehmung auf die Dinge hat sich einiges ver\u00e4ndert, Prozesse wurden angesto\u00dfen. Einige Beispiele:<\/p>\n<p>1. Komfort: Der Mensch gew\u00f6hnt sich an alles, sagt man. Nun muss ich mit Erstaunen feststellen, dass das sogar auf mich Weichei zutrifft. Dass die Raumtemperatur im Bus morgens nicht wesentlich \u00fcber f\u00fcnf Grad Celsius liegt, ertrage ich mittlerweile ohne mit der Wimper zu zucken. Binnen 45 Sekunden habe ich so viele Kleidungsschichten angezogen, dass ich sogar anschlie\u00dfend erst einmal die Bust\u00fcr zum L\u00fcften \u00f6ffne. Geduscht wird nat\u00fcrlich nicht jeden Morgen. Ein bis zwei Mal in der Woche ist Waschtag. Dann wird die Dusche leer ger\u00e4umt und der Wasserboiler angeschmissen. Ich schaffe es mittlerweile mich mit einem gef\u00fchlten Wasserverbrauch von 7,5 Litern von Kopf bis Fu\u00df gr\u00fcndlich zu duschen, und verbuche das anschlie\u00dfende Frieren in dem ungeheizten Raum mit Freude als lebensverl\u00e4ngernde Kneipp-Kur.<\/p>\n<p>2. Begegnungen\/Austausch: Mich nur \u00fcber das Wetter oder die n\u00e4chste M\u00f6glichkeit zur Kloentsorgung zu unterhalten, ist mir zu wenig. Nachdem mich das \u00fcber Wochen frustriert hat, kann ich mittlerweile mit mir wildfremden Menschen innerhalb von Minuten in ein inspirierendes und stimulierendes, tiefes Gespr\u00e4ch fallen. Warum auch Zeit verschwenden, schlie\u00dflich wei\u00df man ja, dass man sich nach kurzer Zeit wieder trennen wird. Gl\u00fccklicherweise sind die meisten anderen Reisenden, die wir bislang getroffen haben, genauso kommunikationshungrig wie wir.<\/p>\n<p>3. Gelassenheit: Der Weg ist das Ziel. Es ist wichtiger, sich den Herausforderungen des Weges anzunehmen als ein stupides Touri-Programm abzuhaken. Zun\u00e4chst einmal ist alles m\u00f6glich, und jede Abzweigung ist es Wert, gepr\u00fcft zu werden. Daraus kann sich Wunderbares ergeben. Wie beispielsweise die Adoption eines sonnigen Hundewelpens, das mittlerweile schon ganz gut auf den Namen Loukas h\u00f6rt.<\/p>\n<p>4. Das Gef\u00fchl von Sicherheit\/Angst in der Fremde: Das passiert nur in meinem Kopf. Neulich erinnerte ich mich wieder an eine Erkenntnis, die ich bereits als Zw\u00f6lfj\u00e4hrige hatte. Ich lag damals wach in meinem Bett und sollte eigentlich schlafen. Die Stra\u00dfenlaterne leuchtete in mein Fenster, was die Sternenbilder auf meinem Rollo zum Gl\u00e4nzen brachte. Vielleicht weil ich mich in dem Augenblick so geborgen f\u00fchlte, kam mir der Gedanke: Angst geh\u00f6rt zu den Dingen, die uns im Leben am meisten behindert. Heute sehe ich das ein wenig differenzierter und wei\u00df, dass Angst in gewissen Momenten durchaus lebenserhaltend sein kann. Die Wahrheit liegt wahrscheinlich irgendwo dazwischen. Besonders treffend fand ich die Formulierung einer Radiogeschichte in der WDR5-Kinderserie \u201eOhrenb\u00e4r\u201c, die ich mal auf dem Heimweg von der Arbeit geh\u00f6rt habe. Die Geschichte hie\u00df: Wer keine Angst hat, hat mehr Zeit zum Spielen.<\/p>\n<p>5. Den Moment genie\u00dfen: Alles was wir haben, ist der Moment. Um ihn erleben zu k\u00f6nnen, m\u00fcssen wir uns manchmal von verkrusteten Mustern l\u00f6sen. Ich habe mich neulich an folgendes erinnert: Insbesondere in den vergangenen zwei Jahren habe ich h\u00e4ufiger mal Freundinnen &#8222;abgewimmelt&#8220;, die mit mir telefonieren oder spazieren wollten. Ich war so in meinem Stress gefangen, dass ich dachte, ich h\u00e4tte \u201ewichtigeres\u201c zu tun: Putzen, Einkaufen, Papiere sortieren, Tatort gucken, Schlafen\u2026 Wenn ich heute daran denke, grusele ich mich vor mir selbst. Wie viele wirklich wichtige Momente sind mir dadurch wohl durch die Lappen gegangen? Dies ist nun ein offizieller Aufruf an alle Freundinnen: Sollte ich je wieder so in einem Hamsterrad gefangen sein, habt ihr hiermit die ausdr\u00fcckliche Erlaubnis, mir eine saftige Ohrfeige zu verpassen.<\/p>\n<p>In den letzten drei Monaten wurden Prozesse in mir angesto\u00dfen und meine Wahrnehmung auf einige Dinge hat sich ver\u00e4ndert. Ich frage mich, ob das Ziel im Leben weniger das \u201eAnkommen\u201c an sich ist als vielmehr das \u201eGanz und gar auf dem Weg sein\u201c. Wir kommen tausend Mal irgendwo an und tausend Mal nehmen wir wieder Abschied. Vielleicht sollte ich beginnen, meine Aufmerksamkeit mehr den Dingen zuzuwenden, die dazwischen liegen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gestern ist mein Bericht f\u00fcr den Nationalpark Eifel in Druck gegangen. Ich bin zufrieden, darauf habe ich hingearbeitet. Wieder ein Ziel erreicht, einmal mehr angekommen. Das zumindest ist das Gef\u00fchl, das sich gerade in mir breit macht. 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