{"id":1231,"date":"2012-01-07T11:22:39","date_gmt":"2012-01-07T11:22:39","guid":{"rendered":"http:\/\/www.goethepanzer.de\/?p=1231"},"modified":"2013-03-31T09:43:03","modified_gmt":"2013-03-31T09:43:03","slug":"allein-sein","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.1yearoff.karstenmontag.de\/?p=1231","title":{"rendered":"Allein sein"},"content":{"rendered":"<p>Donnerstag habe ich Karsten zum Flughafen gebracht. Eine Woche ist er nun zu Hause bei seiner Familie, um sich von Vater und Tante ein letztes Mal zu verabschieden. Ich bleibe indes hier und wache \u00fcber unsere sieben Sachen.<\/p>\n<p>Es ist ein merkw\u00fcrdiges Gef\u00fchl, pl\u00f6tzlich ganz allein zu sein. Die letzten zwei Monate gab es praktisch keine Intimsph\u00e4re. St\u00e4ndig, in jedem Moment und \u00fcberhaupt immer war Karsten an meiner Seite. Jetzt ist es still hier im Bus. Das ist manchmal unheimlich. Insgesamt aber f\u00fchle ich mich wohl. Ich kann mich ganz auf mich konzentrieren und auf die letzten Korrekturen meines Berichtes f\u00fcr die Nationalparkverwaltung, der am 16. Januar endlich in Druck geht.<\/p>\n<p>Ich stehe mit dem Bus auf einem AutoCamp, einer Art Wohnmobilhafen, im antiken Korinth. Hier habe ich eine gute Infrastruktur (Strom, Wasser, hei\u00dfe Dusche, Waschmaschine, Internet im Dorf) und ich f\u00fchle mich gut aufgehoben. Der Camping wird von einer Gro\u00dffamilie betrieben, die auch hier wohnt: Oma, Opa, Mama, Papa drei Kinder zwischen 5 und 14, Tante. Und ein ganz junger Sh\u00e4ferhund, der aber\u00a0 &#8211; wie viele Hunde hier in Griechenland \u2013 vor der T\u00fcr an der Kette liegt.<\/p>\n<p>Oma und Opa versorgen mich st\u00e4ndig mit Kuchen und Pl\u00e4tzchen und Orangen. Donnerstagabend klopft es um 22 Uhr an mein Fenster. Dort steht &#8222;Papa&#8220; mit zwei Anstandskindern. Ich sei doch jetzt allein, und ob ich nicht mit ins Haus kommen wolle, dort h\u00e4tte ich Gesellschaft. Ich bedanke mich, lehne aber ab. Bin sehr m\u00fcde und auf dem Weg ins Bett. Au\u00dferdem genie\u00dfe ich gerade die Ruhe. Nachdem ich die T\u00fcr wieder schlie\u00dfe frage ich mich, warum die Familie diese Herzlichkeit nicht auch dem einsamen Hund zukommen lassen kann.<\/p>\n<p>Nach einer traumlosen Nacht erwache ich Freitag sehr fr\u00fch. Es regnet aus Eimern. Normalerweise beginnen unsere Tage mit folgendem Dialog. Ich (im warmen Bett): \u201eMachst du Kaffee?\u201c Karsten (im gleichen warmen Bett): \u201eN\u00f6, ich will gar keinen Kaffee.\u201c Ich: \u201eKomm schon, du bist dran.\u201c Karsten (entschlossen): \u201eN\u00f6.\u201c Ich (resigniert aufstehend): \u201eNa gut, n\u00fctzt ja nix.\u201c Karsten: \u201eMachste mir auch einen?!\u201c Heute erhebe ich mich wortlos, koche Kaffee nur f\u00fcr mich und schalte die Heizung ein.<\/p>\n<p>Gegen Mittag klopft Oma an mein Fenster. Die Familie l\u00e4dt mich zum Mittagessen ein. Dummerweise habe ich gerade ein \u00fcppiges Mahl verputzt, lehne also dankend ab. Sie l\u00e4sst aber nicht locker. Wirkt sichtlich beleidigt. Ich versuche zu erkl\u00e4ren, dass ich gerade sehr satt bin. Sie stampft entschlossen mit dem Fu\u00df auf den Boden, ruft \u201eMadame!\u201c und ich wei\u00df, wenn ich jetzt nicht freiwillig mitkomme, wird sie mich gleich eigenh\u00e4ndig an den Ohren an den Mittagstisch ziehen.<\/p>\n<p>Das Haus ist gem\u00fctlich und warm, im Kamin brennt ein Feuer. Der Tisch ist reichlich gedeckt. Es gibt Schweinebraten mit Kartoffeln, gebackene Eier, Krautsalat und Schafsk\u00e4se. Oma und Opa bekreuzigen sich, das Mahl kann beginnen. Kaum ist der erste Bissen im Mund, schrecken Oma und Tante Maria auf, kerzengerade und stocksteif sitzen sie jetzt, zeigen zum Fenster Richtung Garten. Mit aufgerissenen Augen und vollem Mund rufen sie irgendetwas auf Griechisch. Ich sehe nichts, weil ich dummerweise mit dem R\u00fccken zum Fenster sitze. Vermute aber, dass soeben Satan h\u00f6chstpers\u00f6nlich erschienen ist, dem Anblick der aufgeregten Frauen nach zu urteilen. Opa z\u00f6gert nicht, springt auf, eilt ins Nebenzimmer und kommt nach wenigen Sekunden zur\u00fcck. Mit einem Gewehr in der Hand eilt er am gesegneten Mittagstisch vorbei in den Garten. Ich verschlucke mich fast und glotze ungl\u00e4ubig dem entschlossenen \u2013 ich sch\u00e4tze Mittsechziger \u2013 hinterher. Sp\u00e4ter erfahre ich (wir verst\u00e4ndigen uns mit Hand und Fu\u00df, Fetzen in Englisch, Franz\u00f6sisch und Griechisch), dass nicht Satan sondern ein freilebender Hund am Gartenfenster erschienen ist. Der Hund sei ein Problem f\u00fcr die ganze Nachbarschaft. Er belle, bei\u00dfe und fresse das Futter der eigenen Hunde. Opa hat ihn \u00fcbrigens nicht mehr erwischt.<\/p>\n<p>Der Rest des Mittagessens verl\u00e4uft ohne weitere Zwischenf\u00e4lle. Anschlie\u00dfend gibt es griechischen Kaffee, noch mehr Kekse und S\u00fc\u00dfigkeiten und die Familie gesellt sich vor den Fernseher. In den Nachrichten werden die Feierlichkeiten zum heutigen heiligen Tag\u00a0 der Theofaneia gezeigt. Am 06. Januar feiern die Griechen die Taufe Jesu Christi durch Johannes, eines ihrer wichtigsten kirchlichen Feste und ein m\u00e4chtiges Spektakel. An diesem Tag verlegen die Gemeindepriester den Gottesdienst ans Wasser (an einen Fluss, See oder ans Meer). Dort wirft der Priester ein gesegnetes Kreuz in die Fluten. Ein bis zwei Dutzend gl\u00e4ubige M\u00e4nner stehen am Ufer und springen ins kalte Wasser. Sie suchen das Kreuz und k\u00e4mpfen dann darum. Wer es aus dem Wasser bergen kann gewinnt. Die 14j\u00e4hrige Despina frage ich auf Englisch: \u201eWas gewinnen sie denn?\u201c. Ihrem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, findet sie meine Frage ziemlich d\u00e4mlich. Knapp entegegnet sie: \u201eNichts!\u201c<\/p>\n<p>Nach dem Kaffee verabschiede ich mich in die Abgeschiedenheit des Busses und verbringe den Rest des Tages arbeitend. N\u00e4chste Woche treffe ich mich mit Nikos und Efi in Korinth. Und zwischendurch werde ich mich immer mal zu dem Hund gesellen. Die Woche bis zu Karstens R\u00fcckkehr wird sicherlich schnell vergehen. Auch wenn ich allein bin, einsam f\u00fchle ich mich im Moment noch nicht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Donnerstag habe ich Karsten zum Flughafen gebracht. Eine Woche ist er nun zu Hause bei seiner Familie, um sich von Vater und Tante ein letztes Mal zu verabschieden. Ich bleibe indes hier und wache \u00fcber unsere sieben Sachen. 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