{"id":1128,"date":"2011-12-22T02:42:04","date_gmt":"2011-12-22T02:42:04","guid":{"rendered":"http:\/\/www.goethepanzer.de\/?p=1128"},"modified":"2013-03-31T09:48:40","modified_gmt":"2013-03-31T09:48:40","slug":"der-dunkelste-tag","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.1yearoff.karstenmontag.de\/?p=1128","title":{"rendered":"Der dunkelste Tag"},"content":{"rendered":"<p>Es ist der 21. Dezember, der dunkelste Tag des Jahres, auch in metaphorischer Hinsicht. Seit ungef\u00e4hr einer Woche regnet und gewittert es von Tag zu Tag mehr und intensiver. Die Temperaturen fallen nachts auf ein paar Grad \u00fcber Null. Auf den Gipfeln der stets nicht weit entfernten Berge ist d\u00fcnner Neuschnee zu erkennen, und ich bekomme langsam einen Buskoller. Die Enge unseres Wohnklos und die Unm\u00f6glichkeit, sich l\u00e4nger drau\u00dfen aufzuhalten, machen mich klaustrophobisch. Das Reisen bringt zwar Abwechslung, aber auch erneuten Stress. Es macht einfach keinen Spa\u00df, mit dem Gespann bei str\u00f6menden Regen im hektischen Vorweihnachtsverkehr durch enge Gassen zu gurken, um ein antikes r\u00f6misches Theater zu suchen, an dem man dann doch nicht parken kann. Oder wie ein Tr\u00fcffelschwein mit Internetrecherchen, Ausfragen von Tankstellenw\u00e4rtern und Navigationssystem nach einer der drei LPG-Tankstellen auf dem Peleponnes zu fahnden und diese dann doch nicht zu finden. Jetzt fahren wir notgedrungen auf Benzin. Das ist nicht nur doppelt so teuer wie Gas, sondern stinkt auch und l\u00e4sst den Motor im Standgas st\u00e4ndig ausgehen, weil dieses auf LPG eingestellt ist. Da wir durch die kurzen Tage meistens erst im Dunkeln an unseren Zielorten ankommen, ist die Suche nach geeigneten Standpl\u00e4tzen nicht einfach. Das alles dr\u00fcckt die allgemeine Stimmung auf unserer Mission.<\/p>\n<p>Doch auch im \u00fcbertragenen Sinne ist der heutige Tag der dunkelste. Die Nachrichten aus der Heimat in den letzten Wochen haben ein immer d\u00fcsteres Szenario gezeichnet. Vor vier Wochen hatte mein Vater trotz eingebauten Defibrillators einen weiteren Herzstillstand. Die Wiederbelebungsma\u00dfnahmen dauerten 20 Minuten. Vor zwei Wochen wurde deutlich, dass er davon einen Hirnschaden erlitten hat und nach dem erneuten Aufwecken aus dem k\u00fcnstlichen Koma nicht mehr ansprechbar ist. Heute habe ich erfahren, dass er von der Intensivstation im Krankenhaus in M\u00fclheim in ein Pflegeheim nach Essen verlegt wird. Er wird weiterhin k\u00fcnstlich beatmet und zeigt keine bewussten Reaktionen. Da er keine Patientenverf\u00fcgung abgeschlossen hat, w\u00e4re ein Abstellen der lebenserhaltenden Ma\u00dfnahmen jetzt Sterbehilfe. Dieser Schwebezustand zwischen Leben und Tod macht es schwer, einen Umgang mit der Situation zu finden. Es ist sehr unwahrscheinlich, dass er noch einmal so etwas wie ein Bewusstsein erlangt. So gesehen war der Augenblick vor sechs Wochen in M\u00fclheim, als ich ihn noch einmal kurz halbwach erleben durfte und seine Hand gedr\u00fcckt habe, eine Art Abschied. Aber was hei\u00dft Abschied, wenn er noch lebt? Es kann noch Jahre dauern, bis er tats\u00e4chlich stirbt.<\/p>\n<p>Unbekannt ist mir die Situation nicht, da meine Mutter vor 11 Jahren auf \u00e4hnliche Weise aus dem Leben getreten ist. Durch ihre Erkrankung an Multiple Sklerose wurde auch sie zu einem Pflegefall. Im Endstadium war die Krankheit soweit fortgeschritten, dass Hirnsch\u00e4den eintraten und sie nicht mehr ansprechbar war. Damals wie heute ziehe ich es vor, die Geschehnisse aus der Ferne zu beobachten. Damals wie heute habe ich deswegen ein schlechtes Gewissen. Die r\u00e4umliche und emotionale Distanz ist jedoch seit meinem Fortgang aus M\u00fclheim im Alter von 21 Jahren, als der Rosenkrieg meiner Eltern bereits zehn Jahre andauerte, bis heute f\u00fcr mich eine wirksame Methode geblieben, mit famili\u00e4ren Ausnahmesituationen umzugehen. Ich hatte immer das starke Gef\u00fchl, dass ich die innere Zerrissenheit, die ich seit den traumatischen Erlebnissen durch die Trennung und durch das Verhalten meiner Eltern danach versp\u00fcrte, nur selber wieder heilen konnte. Die Distanz zu allem, was ich mit diesen Erlebnissen verband \u2013 Familie, Heimatstadt, ehemalige Mitsch\u00fcler etc. \u2013, war dabei ein brauchbares Mittel. Ich wei\u00df nicht genau, warum das so ist. Ich vermute, ich konnte so die Wirkung der Erlebnisse emotional entzerren und gleichzeitig meine Autonomie und Selbstbestimmtheit st\u00e4rken. Der Nachteil dieser Distanz beim Tod meiner Mutter war, dass echte Trauer bei mir teilweise erst Jahre sp\u00e4ter eingetreten ist. Ich richte mich darauf ein, dass dies bei meinem Vater \u00e4hnlich ablaufen wird.<\/p>\n<p>Werden die Tage nach der Wintersonnenwende nicht wieder l\u00e4nger? Ich hoffe es zumindest.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist der 21. Dezember, der dunkelste Tag des Jahres, auch in metaphorischer Hinsicht. Seit ungef\u00e4hr einer Woche regnet und gewittert es von Tag zu Tag mehr und intensiver. Die Temperaturen fallen nachts auf ein paar Grad \u00fcber Null. 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