{"id":1091,"date":"2011-12-19T10:03:16","date_gmt":"2011-12-19T10:03:16","guid":{"rendered":"http:\/\/www.goethepanzer.de\/?p=1091"},"modified":"2013-03-31T09:48:57","modified_gmt":"2013-03-31T09:48:57","slug":"poli-cypero-und-zwei-junge-pakistaner-in-der-patsche","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.1yearoff.karstenmontag.de\/?p=1091","title":{"rendered":"Pol\u00ed C\u00fdpero und zwei junge Pakistaner in der Patsche"},"content":{"rendered":"<p>\u201ePol\u00ed C\u00fdpero, pol\u00ed C\u00fdpero\u201c, wiederholt Theo und meint: \u201cLeute, bin <em>ich<\/em> betrunken.\u201c\u00a0 Ouzo trinkt man hier offenbar schon lang nicht mehr. \u201eZuviel Chemie\u201c, urteilt Theo, der schon vor 20 Jahren von dem milchigen Fusel abgelassen hat. Mir wird flau im Magen weil ich an das ein oder andere Glas Ouzo denken muss, dass ich als brave Touristin in den vergangenen zehn Tagen \u201egenossen\u201c habe. Stattdessen trinkt Theo C\u00fdpero. Keine Ahnung ob man das so schreibt. Ist aber auch egal, schlie\u00dflich z\u00e4hlt der Inhalt. Er wird aus Trauben gewonnen, ist wunderbar mild und fruchtig, gleichzeitig hochprozentig. Wir w\u00fcrden Grappa dazu sagen. Ach so, und <em>pol\u00ed <\/em>hei\u00dft \u00fcbrigens \u201eviel\u201c.<\/p>\n<p>Eigentlich waren wir gar nicht mit Theo sondern mit Anastasius verabredet. Anastasius lebt in der N\u00e4he es Strandes, der seit nunmehr zehn Tagen unsere Wahlheimat ist. Er ist Fischer und J\u00e4ger und hatte uns am Nachmittag bestes selbstgepresstes Oliven\u00f6l und f\u00fcnf Fische verkauft. Wir luden ihn zum Kaffee ein, zeigten uns gegenseitig Fotos und plauderten ein wenig \u2013 wenn man das \u201eplaudern\u201c nennen kann. Mit Hand und Fu\u00df eben. Er: \u201eIhr verheiratet?\u201c. Wir \u201e\u00d3chi\u201c (=nein). Er: \u201eN\u00e4chstes Jahr ihr kommen, verheiratet. Danach Jahr ihr kommen, Baby\u201c. Wir bedankten uns artig f\u00fcr das Orakel und nahmen seinen Vorschlag an, uns abends um sieben in <em>Jannis\u2018 Taverne<\/em> \u2013 \u201esehr gut Essen\u201c \u2013 wieder zu sehen.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.1yearoff.goethepanzer.de\/wp-content\/uploads\/2011\/12\/anastasius_sylvia_karsten3.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-1100\" title=\"anastasius_sylvia_karsten\" src=\"http:\/\/www.1yearoff.goethepanzer.de\/wp-content\/uploads\/2011\/12\/anastasius_sylvia_karsten3.jpg\" alt=\"\" width=\"500\" height=\"322\" srcset=\"http:\/\/www.1yearoff.karstenmontag.de\/wp-content\/uploads\/2011\/12\/anastasius_sylvia_karsten3.jpg 500w, http:\/\/www.1yearoff.karstenmontag.de\/wp-content\/uploads\/2011\/12\/anastasius_sylvia_karsten3-300x193.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Karsten und ich haben dann irgendwie die Zeit verloren und trudelten erst um viertel vor Acht dort ein. Aufmerksam wurden wir von den rund 20 M\u00e4nnern im Lokal beobachtet, als wir eintraten und uns einen freien Tisch suchten. Das Lokalderby Athen \u2013 Tripolis im Fernsehen war f\u00fcr einen Moment uninteressant geworden, die Erscheinung aus Deutschland daf\u00fcr umso interessanter. Anastasius war unter dem Publikum nicht auszumachen. Also bestellten wir erst einmal bei Jannis, dem Wirt. \u201eMia b\u00edra, \u00e9na k\u00f3kkino krass\u00ed ke ner\u00f3\u201c, (= ein Bier, ein Rotwein und Wasser) gab sich Karsten alle M\u00fche, das gerade erlernte Griechisch anzuwenden. Dass uns der Wirt verstand, merkten wir an seiner Antwort: \u201eMit Sprudel oder ohne?\u201c. Damit rechnete ich nun \u00fcberhaupt nicht und konterte mit einem eloquenten: \u201eH\u00e4h!?\u201c Jannis wiederholte geduldig: \u201eMit Sprudel oder ohne?\u201c Nur seine leicht zuckenden Mundwinkel verrieten, dass meine ohnehin schon peinliche Entgegnung offensichtlich von einem noch d\u00e4mlicheren Gesichtsausdruck begleitet worden war.<\/p>\n<p>Wir a\u00dfen Suwl\u00e1kia und Salat und hatten \u00fcberhaupt nichts dagegen, dass sich die Aufmerksamkeit der Herren wieder von uns ab- und dem Fu\u00dfballspiel zuwendete. Anastasius jedoch kam nicht. Nachdem wir aufgegessen hatten, sprach uns Theo vom Nebentisch an: \u201eAnastasius went home. Sleeping. I am his brother.\u201c Der interessante Mann mit dem spitzb\u00fcbischen Bart setzte sich zu uns, und im Handumdrehen war das Eis gebrochen. Er gab uns einen Ouzo und Rotwein aus. Wir ihm C\u00fdpero. Und so weiter&#8230; C\u00fdpero, Wein, Bier. Nur dann doch kein Ouzo mehr.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.1yearoff.goethepanzer.de\/wp-content\/uploads\/2011\/12\/theo_sylvia_karsten.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-1094\" title=\"theo_sylvia_karsten\" src=\"http:\/\/www.1yearoff.goethepanzer.de\/wp-content\/uploads\/2011\/12\/theo_sylvia_karsten.jpg\" alt=\"\" width=\"500\" height=\"330\" srcset=\"http:\/\/www.1yearoff.karstenmontag.de\/wp-content\/uploads\/2011\/12\/theo_sylvia_karsten.jpg 500w, http:\/\/www.1yearoff.karstenmontag.de\/wp-content\/uploads\/2011\/12\/theo_sylvia_karsten-300x198.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Theo ist Mathematiklehrer an der Schule in Kanallaki. Er hat sechs Br\u00fcder und zwei Schwestern, zwei sehr h\u00fcbsche erwachsene T\u00f6chter und ein Haus in Valandoriachi. Er fischt und jagt. Und kommt uns im November 2012 in Aachen besuchen. Dann n\u00e4mlich ist er pensioniert und will seinen Bruder in Hannover, seinen Neffen in D\u00fcsseldorf und seinen Freund in Paris besuchen. Karsten und ich fanden, dass Aachen hervorragend auf seine Reiseroute passen w\u00fcrde und luden ihn kurzerhand in unser noch nicht vorhandenes Zuhause ein. Das f\u00fchrte dann zu gro\u00dfer Freude bei allen Beteiligten, noch mehr Bier, Wein und C\u00fdpero. Wir scherzten, lachten und klopften uns gegenseitig auf die Schulter. Was f\u00fcr eine nette Begegnung!<\/p>\n<p>\u201ePol\u00ed C\u00fdpero, pol\u00ed C\u00fdpero\u201c, wiederholt Theo. Wir sind die letzten G\u00e4ste im Lokal. Die Unterhaltung wird zunehmend schwierig aber nicht weniger lustig. Ich z\u00fccke unser <em>OhneW\u00f6rterbuch <\/em>und wir beginnen die Bilder von Schafen, Schweinen, Kiwis und Bananen in Worte zu fassen. Jeder in seiner Sprache. Karsten und ich lachen \u00fcber den Klang der griechischen Begriffe und versuchen sie auszusprechen. Theo lacht \u00fcber die deutschen W\u00f6rter und gibt sich alle M\u00fche, sie zu sagen. Und Jannis, der Wirt, lacht \u00fcber uns.<\/p>\n<p>Die Szenerie unterbricht j\u00e4h, als sich die T\u00fcr \u00f6ffnet. Zwei junge M\u00e4nner \u2013 ich sch\u00e4tze sie auf Mitte zwanzig &#8211; betreten den Raum. Sichtlich ersch\u00f6pft. Ich bin zwar schon sehr betrunken, befinde die Beiden aber trotzdem als f\u00fcr Griechen bemerkenswert dunkelh\u00e4utig, mit etwas zu markanten Gesichtsz\u00fcgen. Kein Wunder, sie sind n\u00e4mlich gar keine Griechen. Die beiden kommen eigentlich aus Islamabad, Pakistan. Und stecken offensichtlich gerade ziemlich in der Patsche. Sie m\u00fcssen noch 50 Kilometer bis Preveza fahren, ihr Benzin reicht nur nicht mehr f\u00fcr die Strecke. Jannis und Theo rufen kurzerhand den lokalen Tankwart an. Der vermeintliche Retter geht aber nicht ans Telefon. Das war\u00b4s dann wohl. Kein Kraftstoff vor morgen fr\u00fch.<\/p>\n<p>Karsten lehnt sich zu mir r\u00fcber: \u201eIch sehe doppelt\u201c. Ich entgegne: \u201eNein, das sind wirklich Zwei.\u201c Diese Best\u00e4tigung scheint Karsten glauben zu lassen, er sei doch n\u00fcchterner als er eigentlich dachte. Er beschlie\u00dft einzuschreiten und bietet den beiden wirklich zerknirscht dreinblickenden Jungs an, zehn Liter von unserem Bus abzuzapfen. Er gestikuliert dabei auf beeindruckende Weise, dass das Benzin aus unserem Tank mit dem Schlauch angesaugt werden m\u00fcsse.<\/p>\n<p>Die Jungs lassen sich auf die beiden betrunkenen \u201eTuristas\u201c ein. Wir verabschieden uns herzlich von Jannis und Theo und schwingen uns auf unsere Fahrr\u00e4der. Die beiden Pakistaner in ihrem Auto hinter uns her. Bis zum Strand sind es etwa drei Kilometer, auf Feldwegen. Aber nach schon 150 Metern folgt ein unfreiwilliger Zwischenstopp: Ich verschalte mich, was meine Gangschaltung das Zeitliche segnen l\u00e4sst. Die R\u00e4der blockieren, an Weiterfahrt ist nicht zu denken. Das Auto h\u00e4lt und die beiden Kollegen denken pragmatisch \u2013 nur keine Zeit verlieren. Sie packen das Fahrrad in den Kofferraum und bieten mir Platz auf dem Beifahrersitz an.<\/p>\n<p>Am Bus angekommen geht dann alles ganz schnell. Karsten holt Kanister und Schlauch. Und ich bin in Gedanken bereits beim bevorstehenden Ansaugprozess. Als ich mich entschlie\u00dfe, Karsten in den n\u00e4chsten f\u00fcnf bis sieben Tagen dann eben nicht zu k\u00fcssen, macht einer der beiden Jungs kurzen Prozess: Ein Schlauchende kommt in den Tank, das andere in seinen Mund. Und jetzt saugen. Das Benzin l\u00e4uft vorbildlich erst in seinen Mund, dann in den Kanister hinein. Obwohl ich nicht vorhabe den Pakistaner zu k\u00fcssen, reiche ich ihm schnell ein Glas Wasser zum Sp\u00fclen. Aus reiner Nettigkeit. Zehn Minuten sp\u00e4ter sehen wir in zwei wirklich dankbare und erleichterte Gesichter. Wir lehnen Geld ab und verabschieden uns.<\/p>\n<p>Gemeinsam mit unserer adoptierten Kirke und einer guten Hand voll Brekkis lassen wir den geselligen Abend im Strandstuhl noch einmal Revue passieren. Wir freuen uns wirklich sehr \u00fcber die herzliche Offenheit und Gastfreundschaft der Menschen, die uns hier begegnen. Und wir freuen uns auch, dass wir den beiden jungen Pakistanern ein bisschen davon zur\u00fcckgeben konnten. Nur mit dem C\u00fdpero sollten wir in Zukunft vielleicht doch ein wenig zur\u00fcckhaltender sein.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201ePol\u00ed C\u00fdpero, pol\u00ed C\u00fdpero\u201c, wiederholt Theo und meint: \u201cLeute, bin ich betrunken.\u201c\u00a0 Ouzo trinkt man hier offenbar schon lang nicht mehr. \u201eZuviel Chemie\u201c, urteilt Theo, der schon vor 20 Jahren von dem milchigen Fusel abgelassen hat. 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