{"id":1352,"date":"2012-01-19T11:17:58","date_gmt":"2012-01-19T11:17:58","guid":{"rendered":"http:\/\/www.goethepanzer.de\/?page_id=1352"},"modified":"2012-01-19T11:21:14","modified_gmt":"2012-01-19T11:21:14","slug":"antikes-gedons","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/www.1yearoff.karstenmontag.de\/?page_id=1352","title":{"rendered":"Antikes Ged\u00f6ns"},"content":{"rendered":"<p>Wenn man durch Griechenland f\u00e4hrt, dann stolpert man unweigerlich auch \u00fcber \u00dcberreste aus dem Altertum, die quasi an jeder Ecke herumliegen. Teilweise stehen sie am Stra\u00dfenrand und sind frei zug\u00e4nglich. Dann handelt es sich meist um r\u00f6mische Ruinen. Oder sie sind umz\u00e4unt, bewacht und kosten Eintritt. Dann handelt es sich um \u00dcberreste griechischer Bauten. Wandelt man hindurch, kommt einem unausweichlich auch die Frage: Neun Euro Eintritt, nur um ein paar umgefallene Steinbl\u00f6cke zu bestaunen?<\/p>\n<p>Die absch\u00e4tzigen einleitenden Worte t\u00e4uschen. Tats\u00e4chlich bin ich ein ausgesprochener Fan der Antike. Am meisten fasziniert mich unser zwiesp\u00e4ltiger Umgang damit. Auf der einen Seite ist die Kultur f\u00fcr uns unwiederbringlich untergegangen. Unsere Kirchen k\u00f6nnen f\u00fcnf Mal durch Erdbeben oder Bombenangriffe in sich zusammengefallen sein, wir bauen sie akribisch immer wieder auf. Die antiken Ruinen hingegen werden ausgegraben, ausgepl\u00fcndert und die Inhalte wie Statuen, Mosaike und Alltagsgegenst\u00e4nde in Museen quer \u00fcber die Welt verteilt wie Troph\u00e4en ausgestellt. Das \u00fcbrig gebliebene Baumaterial wird einfach liegengelassen. Vielleicht wird hie und da einmal eine S\u00e4ule wieder errichtet, um den Besuchern die Gr\u00f6\u00dfenverh\u00e4ltnisse der antiken Bauwerke zu verdeutlichen. Oder Sitzb\u00e4nke in Theatern werden teilweise erneuert, um antike Theaterst\u00fccke in authentischer Atmosph\u00e4re aufzuf\u00fchren. Die Dachkonstruktion aus Holz wird jedoch weggelassen, so dass man als Besucher von Ausgrabungsst\u00e4tten unweigerlich den Eindruck bekommen muss, dass man fr\u00fcher immer im Freien gesessen hat, wenn man ins Theater ging. \u00dcberhaupt ist unsere Sicht auf das Altertum gepr\u00e4gt von dessen Darstellung. Genauso wie wir die Zeit vor hundert Jahren schwarzwei\u00df sehen, weil in dieser Zeit die Farbfotografie noch nicht erfunden war, k\u00f6nnen wir den Eindruck gewinnen, dass in der Antike \u00fcberall wei\u00dfe Statuen mit fehlenden Gliedma\u00dfen herumgestanden haben. Jedes griechische Restaurant, das etwas auf sich h\u00e4lt, stattet sich mit Rekonstruktionen dieser Steinmetzarbeiten aus. Dass diese Statuen zur Zeit ihrer Herstellung nat\u00fcrlich vollst\u00e4ndig und auch bemalt waren, irritiert unsere Sicht auf diese untergegangene Kultur nur. \u00dcberhaupt muss die Antike weitaus lebendiger und farbenfroher gewesen sein, als man sich das anhand von Ruinen, Museumsbesuchen und Bildb\u00e4nden vorstellen kann. Um einen Eindruck zu bekommen, wie lebendig die Zeit gewesen ist, empfehle ich einen Besuch in Pompei.<\/p>\n<p>Auf der anderen Seite f\u00fchlen wir uns in der Neuzeit nicht zuletzt durch die Renaissance und die Aufkl\u00e4rung mit den grunds\u00e4tzlichen Idealen des Altertums verbunden. Die Philosophie und die Demokratie werden besonders mit dem antiken Griechenland in Verbindung gebracht. Dass die Demokratie in den Stadtstaaten Griechenlands tats\u00e4chlich aufgrund einer ge\u00e4nderten Kampfesweise eingef\u00fchrt wurde, sollte uns jedoch aufhorchen und wachsam sein lassen. Die st\u00e4ndig in kriegerischer Auseinandersetzung stehenden griechischen St\u00e4dte im siebten Jahrhundert vor Christus bek\u00e4mpften sich zun\u00e4chst mit Pferden und Streitwagen. Dazu ben\u00f6tigt es Ausr\u00fcstung und Ressourcen, die nur dem Adel vorbehalten waren. Mit einer gro\u00dfen Menge bewaffneter Fu\u00dfsoldaten konnte man jedoch die Reiterei des Gegners leichter schlagen. Diese so genannten Hopliten, die in geschlossener Formation (Phalanx) k\u00e4mpften, wurden von der reichen Mittelschicht der St\u00e4dte gestellt. Um diese Menschen zum Krieg zu motivieren, musste man sie auch an politischen Entscheidungen teilhaben lassen.<\/p>\n<p>Bedenkt man noch, dass die Herrschaftsform der Demokratie nur f\u00fcr relativ kurze Zeit und nicht in allen griechischen Stadtstaaten w\u00e4hrte, sondern die Monarchie, Aristokratie, Oligarchie, Tyrannei, Diktatur und Fremdherrschaft durch Makedonien (Philip II., sein Sohn Alexander und in dessen Folge die Diadochen), Persien und Rom vorherrschend waren, dann kann man unsere Sicht auf das demokratische Griechenland als verkl\u00e4rt betrachten. Wie ideell verkl\u00e4rt und \u00fcberfrachtet sehen wir eigentlich die Demokratie in unserer heutigen Zeit der globalen Handelskriege, von denen auch nur eine reiche Oberschicht wirklich profitiert?<\/p>\n<p>Ganz besonders sehen wir uns in der Neuzeit mit der aufgekl\u00e4rten und vernunftgesteuerten Weltsicht der Antike verbunden. Nat\u00fcrlich haben auch die alten Griechen und R\u00f6mer Herrschafts- und Besitzanspr\u00fcche mythisch verkl\u00e4rt. Die Religion war allgegenw\u00e4rtig. Doch die Geschicke des Staates wurden s\u00e4kular gesteuert und es herrschte im Grunde Laizismus, also die religi\u00f6se Freiz\u00fcgigkeit. Einem gebildeten R\u00f6mer muss das aufkommende Christentum mit seiner Leidensf\u00e4higkeit bis in den Tod, seinem M\u00e4rtyrertum und dem Anspruch auf alleinige und einzig wahre Religion so vorgekommen sein, wie uns der islamische Fundamentalismus in den arabischen Staaten, im Iran und am Hindukusch oder der Kreationismus in vereinzelten Bundesstaaten der USA vorkommen. Hinter der Religion als grundlegende Ideologie einer Herrschaftsform steckt nichts anderes als systematischer Verdummung der Bev\u00f6lkerung, um Macht auszu\u00fcben. Die Fokussierung auf den Glauben und die daraus resultierende Weltsicht f\u00fchrt nicht nur zu einer Erniedrigung des Menschen, sondern auch zu absonderlichen Bl\u00fcten. Jahrhundertelang ging man davon aus, dass die Erde im Mittelpunkt der Welt steht und die Sonne um die Erde kreist. Dann haben Leute mit Fernrohren einmal genauer nachgeschaut und festgestellt, es ist genau anders herum. Die Reaktion der Kirche auf diese Entdeckung war symptomatisch f\u00fcr ihre Machtaus\u00fcbung: mundtot machen und leugnen, H\u00e4retiker als Ketzer verbrennen. Erst die Aufkl\u00e4rung hat den \u00fcber tausendj\u00e4hrigen Stillstand wissenschaftlichen und technischen Fortschritts beendet. Im Mittelalter ist als neues grundlegendes Material eigentlich nur das Schie\u00dfpulver aus China hinzugekommen. Erst mit der Erfindung der Dampfmaschine, die ungef\u00e4hr zeitgleich mit der franz\u00f6sischen Revolution und dem Beginn des Zeitalters der Nationalstaaten mit der einhergehenden Trennung von Staat und Kirche f\u00e4llt, endet auch das Joch der allgegenw\u00e4rtigen christlichen Religion in Europa.<\/p>\n<p>Wenn ich als Ungl\u00e4ubiger heute vor einer Kirche stehe, sehe ich ein kulturell entleertes Baudenkmal, das im Gegensatz zu antiken Ruinen nur besser gewartet wird. Ich m\u00f6chte an dieser Stelle nicht falsch verstanden werden. Ich spreche von Religion als Ideologie der weltlichen Machtaus\u00fcbung und nicht von dem pers\u00f6nlichen Glauben einzelner Menschen. Die christliche Religion halte ich mit ihrem Anspruch darauf, den einzig wahren Glauben zu vertreten f\u00fcr genauso gef\u00e4hrlich wie den Islamismus und\u00a0 die Lehren der Thora.<\/p>\n<p>Bleibt die Frage, wie es mit uns Menschen weitergeht. Geht unsere derzeit weltbeherrschende westliche, kapitalistisch ideologisierte Kultur genauso unter wie einst das r\u00f6mische Reich? Ausgel\u00f6st von massenhaften V\u00f6lkerwanderungen aufgrund klimatischer Ver\u00e4nderungen in einigen armen Entwicklungsl\u00e4ndern, oder ganz einfach, weil uns das \u00d6l ausgeht? Und wird dann der fundamentalistische Glaube wieder einen Aufschwung erfahren, weil der Kapitalismus einfach mit keiner Erkl\u00e4rung f\u00fcr das viele kommende Leid aufwarten kann? Oder kriegen wir doch die Kurve mit noch vollendeter und ausgefeilterer Technologie? Schaffen wir mittels k\u00fcnstlicher Intelligenz und Gentechnik neue Wesen? Unsterblich, geistig uns um ein Vielfaches \u00fcberlegen, ausschlie\u00dflich vernunftgesteuert ohne emotionale Anteile sowie bereit und f\u00e4hig, die biologischen Fesseln unseres Planeten zu sprengen und zu anderen Planeten und Sonnensystemen zu reisen? Als Optimist hoffe ich, dass letzteres eintritt und die \u00dcberg\u00e4nge friedlich und gerecht verlaufen. Als Realist glaube ich, dass alle Bef\u00fcrchtungen der Menschen eintreten. Vielleicht nicht so krass, wie in einigen Hollywood-Filmen dargestellt, sondern zeitlich entzerrt. Ich denke jedoch, dass wir, die gro\u00dfe Masse, bereits heute sehr viel \u00fcber potenzielle Ver\u00e4nderungen wissen und dass Augen verschlie\u00dfen kein probates Mittel ist, um diese Ver\u00e4nderungen abzuwenden.<br \/>\nWas das jetzt noch mit dem antiken Ged\u00f6ns in Griechenland zu tun hat? Eigentlich gar nichts mehr. Diese Gedanken \u00fcberkommen mich nur einfach, wenn ich in den Grundmauern von weltlichen und geistlichen Geb\u00e4uden stehe, die in den Zeiten ihrer Nutzung riesenhaft gewesen sein m\u00fcssen. Dann w\u00fcnsche ich mir jedes Mal, ich k\u00f6nnte durch die Zeit reisen und in diese vergangenen Kulturen eintauchen.<\/p>\n<p>In dieser Kategorie versuche ich unsere Eindr\u00fccke aus den Ausgrabungsst\u00e4tten, die wir besucht haben, mit meinem geschichtlichen Halbwissen in einen historischen Kontext zu setzen. Die Ausgrabungsst\u00e4tten k\u00f6nnen \u00fcber das Aufklappmen\u00fc unter \u201eAntikes Ged\u00f6ns\u201c aufgerufen werden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn man durch Griechenland f\u00e4hrt, dann stolpert man unweigerlich auch \u00fcber \u00dcberreste aus dem Altertum, die quasi an jeder Ecke herumliegen. Teilweise stehen sie am Stra\u00dfenrand und sind frei zug\u00e4nglich. Dann handelt es sich meist um r\u00f6mische Ruinen. 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